Viel Zuversicht – aber eine bange Frage: Wie geht es Nino Niederreiter?
Die Italiener werden von Jukka Jalonen gecoacht. Finnlands olympischer Goldschmied von 2022. Die Schweizer hat er damals in Peking mit 5:1 vom Eis gefegt. Ein so klares Resultat erwartet er nun im Viertelfinal nicht mehr. «Wie können Sie mich fragen, wie das Spiel ausgeht? Ich bin Finne! Wir werden gewinnen!» Hält kurz inne, wirkt nachdenklich und präzisiert: «Es wird ein Resultat mit einem Tor Differenz.» Nein, er wette nicht. Und wenn, würde er – logisch – auf Finnland setzen. «Aber keinen grossen Betrag.»
Pflicht erfüllt, Italien besiegt, Viertelfinal erreicht, die Zusammensetzung der Linien gefunden, Leonardo Genoni hat keinen Treffer zugelassen und ist zumindest im Nationaldress noch immer einer der besten Goalies der Welt. Wir sind für den Viertelfinal (Mittwoch, 18.10 Uhr) gegen Finnland gerüstet. Was berechnet werden kann, ist berechnet worden. Was getan werden kann, ist getan. Was angeordnet werden muss, ist angeordnet. Der Zusammenhalt der Mannschaft ist stark und die Zuversicht gross. Finnland mag kommen.
Und doch gibt es einen Grund zur Sorge. Gegen Italien bloss drei Treffer aus 51 Torschüssen. Trotz fünf NHL-Titanen im Sturm. Ja klar, Damian Clara ist ein guter Goalie. Aber kein Hexer. Er hütet zwar den Kasten in der höchsten schwedischen Liga. Aber dort wehrt er weniger als 89 Prozent der Schüsse ab. Die Finnen hatten im Gruppenspiel gegen die Italiener und ihre Goalies Damian Clara und Davide Fadani aus 62 Schüssen 11 Tore gemacht.
Eine der entscheidenden Fragen ist also: Sind unsere Stürmer gut genug, um den Viertelfinal zu gewinnen? Nino Niederreiter (33) ist der Posterboy der goldenen Jahre unserer Nationalmannschaft. Ein offensiver Leitwolf bei allen vier WM-Silberteams und zuletzt 2025 in Herning und Stockholm mit mehr als einem Punkt pro Spiel. Bisher 22 Tore und 42 Punkte aus 60 WM-Partien. Einer der grössten Spieler unserer Geschichte (seit 1908). Bei der Eröffnungsfeier trug er unsere Fahne. Sage mir, wie es Nino Niederreiter geht, und ich sage dir, wie es um unsere Nationalmannschaft steht.
Wir haben noch bei weitem nicht den besten Niederreiter gesehen. Vier Spiele, nicht ein einziger Skorerpunkt und einer von nur drei Spielern im Team mit einer Minus-Bilanz (-3). Auch seine NHL-Saison ist bisher eine durchschnittliche. Er hat zwar sein 1000. Spiel absolviert. Aber bei Winnipeg in bisher 55 Partien erst acht Treffer beigesteuert. Die Differenz zwischen dem Niederreiter hier in Milano und dem besten Niederreiter: Er ist langsamer geworden. Was ist los?
Auf eine entsprechende Frage gibt er offen Auskunft: «Ich schleppe schon die ganze Saison eine Verletzung mit. Wasser im Knie.» Keine Ausrede, einfach eine Feststellung. NHL-Profi und Indianer kennen keine Schmerzen. Um es salopp zu sagen: Wenn der offensive Titan lahmt, hinkt unsere Torproduktion hinter den Erwartungen her.
Nino Niederreiter versucht, trotz allem ein Maximum herauszuholen. Ein inspirierender Leitwolf, dessen Wirkung weit über Tore und Assists hinausgeht. Und doch: Im Viertelfinal gegen Finnland sind die Schweizer auf jedes Tor angewiesen. Also auch auf Nino Niederreiter. Goldschmied Jukka Jalonen hat es ja gesagt: Es wird ein Resultat mit einem Tor Differenz.
Wenn seine Vordermänner nicht treffen, dann kann – ja muss – Leonardo Genoni hinten die Differenz machen. Nationaltrainer Patrick Fischer sagt zwar nie, wen er am nächsten Tag ins Tor stellen wird. Aber gegen Finnland wird erneut Leonardo Genoni spielen. Er hat bei der letzten WM im Viertelfinal, im Halbfinal und im Final nach 60 Minuten keinen Treffer zugelassen. Er hat hier seinen Kasten gegen Frankreich und nun gegen Italien reingehalten und den Sieg gegen Tschechien (4:3 n. V.) ermöglicht. Er wird im August 39 und ist – zumindest im Nationaldress – nach wie vor einer der besten Goalies ausserhalb der NHL.
Zweimal hat Patrick Fischer die Hockeygötter bei Titelturnieren erzürnt. 2022 stellt er im olympischen Viertelfinal gegen Finnland Reto Berra statt Leonardo Genoni ins Tor. Noch vor «Halbzeit» ist alles vorbei, nach dem 0:3 muss Berra Genoni Platz machen und die Schweizer verlieren 1:5. 2023 setzt der Nationaltrainer im Viertelfinal gegen Deutschland auf Robert Mayer, Meister mit Servette, Goalie der Stunde. Die 1:3-Niederlage ist eine der bittersten in der Amtszeit von Patrick Fischer.
Leonardo Genoni ist – wie immer – die Ruhe selbst und sagt: «Wenn ich gebraucht werde, dann bin ich bereit.»
Das ist doch schon mal eine Ansage, die Zuversicht weckt. Es ist gefühlt so, als habe Leonardo Genoni beschlossen, den Halbfinal zu erreichen.
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